Am
1. September 1900 ehelichte der aus Lindenau bei Leipzig stammende Kaufmann
und Kunstfreund Wilhelm August Gruber in Köln die Pianistin und Sängerin
Alice Josefine Constanze Keller. Sie waren ein lebensfrohes Paar, wohl hoffend,
einem erfreulichen Jahrhundert entgegen zu steuern. Meine Eltern waren beide musisch
begabt. Der Vater spielte die Blockflöte, konnte singen und vorzüglich
mit dem Mund pfeifen. Die Mutter meisterte brillant Liszt und Chopin und hatte
eine schöne Sopranstimme. Mit beiden Fähigkeiten hatte sie erfolgreich
Konzerte bestritten. Ein altes Album voll von Rezensionen berichtet, dass sie "mit Hochrufen" gefeiert worden sei.
Aber kehren wir zurück in den Anfang unseres Jahrhunderts...
Inzwischen
waren meine beiden Brüder Ernst Otto (*1901) und Wolfgang Helmut (*1905)
geboren und ich kam hinzu (*1908). Es war der 7. Juni, Pfingstsonntag um 10
Uhr, und zwei Tage später begab sich mein Vater in das Rathaus zu Köln (man beachte das C!), wo das Ereignis in schön gezirkelter Schrift beurkundet
wurde. Mit Herrn Liesendahl, dem ersten Photographen, der mich "offiziell"
aufnahm, konnte ich mich noch nicht unterhalten. Immerhin ersparte man mir die
horizontale Lage auf dem Eisbeerfell, man ließ mich auf zwei Kissen
sitzen. Der emsige Kamera-Artist machte eine ganze Serie und die Abzüge
teilweise auch mit rundem Ausschnitt, aber alle auf Karton mit eingeprägtem
Firmennamen. Um das Jahr 1912 traf mich ein Schicksalsschlag. In Köln gab
es eine Polio-Epidemie, mein linkes Bein wurde betroffen und gelähmt. Vom
Hausarzt Dr. Levison operiert, blieb es zeitweise geschient, kürzer und
schwächer, hat mich aber bis heute gut getragen und vorangebracht, wohl
später auch vom Kriegsdienst verschont.
Nach drei Jahren Vorschule in eher "schwerer" als "großer"
Zeit entließ mich 1917 das Schillergymnasium zu Köln -Ehrenfeld als
"Reif für Sexta". Noch währte der Krieg, aber der wunderbare
Vers in einem Jugendbuch war ein Irrtum gewesen: "Alles hat einmal ein
Ende, so auch dieser große Krieg. Falten werden sich die Hände, Gott
zu danken für den Sieg." Es blieb nur Niederlage und Elend übrig.
Wen beschäftigte da schon die Kunst? Und wer beschäftigte sich damit,
sie zu schaffen? Damals wusste ich noch nichts was sich bildkreativ im
In- und Ausland tat. Als der Knabe Gruber dann in die Sexta des Realgymnasiums
zu Köln-Lindenthal eintrat erlebte er das Ende des Krieges, die Heimkehrer,
die Besatzer, Not, Hoffnung und Erwartung. Am 13 März 1926 bestand ich
das Abitur. Was sollte ich "werden" ? Da ich als typischer Zwilling
mehrere Begabungen zu besitzen glaubte, versuchte ich es zuerst mit der Bildenden
Kunst und hatte - selbst Überrascht - Erfolg bei der Aufnahmeprüfung
der "Kölner Werkschulen". Ich wurde Schüler des Monumental-
und Glasmalers Johan Thorn Prikker, einer milden, aber starken schöpferischen
Persönlichkeit. Auch tat ich mich informierend in anderen Ateliers um.
Doch wurde mir bald klar, dass ich kein aussichtsreiches freibildnerisches
Talent war. Ich gestand dies meinem Meister, der mir beglückt sagte: "Endlich
einer, der einsieht, dass er nicht malen kann!" So schied ich in gutem
Einvernehmen aus.
Am 2. November 1926 wurde ich "akademischer Bürger" der Universität Köln und besuchte Vorlesungen der Philosophischen Fakultät. Ich hörte bei Niessen Theaterwissenschaft, bei Scheler und Plessner Philosophie, bei Brinkmann Kunstgeschichte, bei Honigsheim Soziologie, bei Bohne Presserecht und dann mit immer stärkerem Engagement bei Julius Lips Ethnologie, die Wissenschaft über Völker ohne geschriebene Geschichte. Lips fesselte mich auch als Persönlichkeit, und bei ihm begann ich mit meiner Dissertation. Allerdings zog sich mein Studium länger hin, da ich mir dies selbst verdienen musste. Ich schrieb und veröffentlichte viel, äußerte mich zu aktuellen Fragen, wie über das Lebensgefühl junger Menschen im Jahrzehnt nach dem ersten Weltkrieg. Immer wieder photographierte ich, machte auch selbst 8 mm Filme mit der kleinen "Agfa-Movex" und besuchte die Lichtspielhäuser, in denen mich der professionelle Film faszinierte.
Ende der 1920er: Hindenburg empfing König Fuad, Mussolini tönte faschistische Reden. Mir wurde klar, dass man dem heraufkommenden Nationalsozialismus entgegentreten müsse und dass ich dies publizistisch tun sollte. Dazu waren die Tageszeitungen zu lau. Mit der Verlegerin Maria Neumann und dem Journalisten Paul Kreutteler-Tuerk (Ull Tuerk) gründeten wir 1931 ein Unternehmen, welches die Wochenzeitungen "Kölner Kurier" und in Düsseldorf "Westdeutscher Kurier" herausgab. Geschäftsführer war Maria Neumanns Ehemann Fritz, ein katholisch getaufter Jude. Die erfolgreichen Zeitungen waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge, weil wir schon 1932 publizierten und davor warnten, was später tragische Wirklichkeit werden sollte. Wir wurden deshalb vom "Westdeutschen Beobachter" heftig als "Judenblatt" attackiert, und nach der Machtergreifung im Januar 1933 drohte uns das Verbot. Um das zu verhindern und Fritz Neumanns eigene, sowie die Existenz der Blätter nicht zu gefährden, teilten wir am 31. März 1933 mit, er sei als Geschäftsführer ausgeschieden. Wir wollten als "Christliche Zeitungen", mit Fritz Neumann nun im Hintergrund, gegen die politische Gefahr weiterkämpfen. Genutzt hat es nichts, da die Zeitung am 28. April 1933, in der ich als "Verantwortlicher" zeichnete, wegen eines Artikels von mir verboten wurde, und wie wir wussten, verboten bleiben würde. Mit meinen Freunden Fritz und Maria Neumann und ihren Töchtern verließen wir Köln und siedelten nach London über.
Aus meiner verwüsteten Wohnung und meinem Brandbomben
zum Opfer gefallenen Photobetrieb hatte ich mich per Fahrrad nach Westfalen
retten können. Nach Einzug der Besatzungsmacht wurde ich als erwiesener
Gegner des nationalsozialistischen Regimes "amtlicher Photograph des britischen
Hauptquartiers" in Bad Oeynhausen und in Minden das gleiche bei der Militärregierung,
durfte aber zunächst nur englische Offiziere aufnehmen. Mit meinem Bruder
Helmut betrieb ich noch ein phototechnisches Unternehmen für Photokopien
und Dokumenten-Verfilmung, später erweitert mit Klein-Offsetdruck. Es war
die Zeit, zu der sich erste Informationen eröffneten was in der übrigen
Welt "in Sachen Photographie" geschehen war.
Man
genoss gierig Ausgaben von "Life" und "Look", die damals
noch spärlich hereinkamen, sowie auch die Modemagazine "Vogue"
und "Haper's" Bazaar". Und während sich in Köln noch
immer das Schreckensbild der Trümmer bot, sah es in Minden schon etwas
friedlicher aus, ja zukunftsträchtig. Dies besonders in meinem Photo-Studio
Markt 6, einem Patrizierhaus. Es war mir gelungen, durch Tausch einige alte Originale
von David Octavius Hill und als Geschenk aus Kanada neue Bilder von
Yousuf Karsh, dem Glamour-Porträtisten der Präsidenten, Päpste
und Geistesfürsten zu bekommen. So machte ich meine erste Ausstellung aus
den Werken dieser Meister. Inzwischen hatte ich Ilka Maria Roggendorf geheiratet
und das Mädchen Annelie aus ihrer ersten Ehe dazu bekommen. Die Vorweihnacht
1947 schenkte uns das gemeinsame Kind Alice Bettina Constanze, Namen im Gedenken
an meine Mutter, die - wie auch mein Vater - in jener Zeit starb.
Es
gab manche Nostalgiefahrten in unsere Domstadt, die sich langsam erholte. Und dort, in der Universität fand 1947 die erste große Photoausstellung
nach dem Kriege statt, an der ich als Bildautor beteiligt war. Als mich im Herbst
1949 der Ruf erreichte, die "Photo-Kino Ausstellung Köln 1950"
mit aufzubauen, nahmen wir Abschied von einem Ort, in dem wir beherbergt worden
waren und neue Freunde gewonnen hatten. Vor mir lag ein neues Leben, wenn ich
auch noch an meinem Betrieb in Minden beteiligt blieb, den mein Bruder Helmut
führte. Einige Messehallen in Köln Deutz waren noch Ruinen, aber am
15. November 1949 bezog ich dort ein Büro. Als Vorsitzender des ersten
Arbeitsausschusses kümmerte ich mich um alles: Organisation, Finanzen,
Aufbau, Katalog, Presse und Werbung.
Am 5. Juni 1959 heiratete ich Renate Busch, damals 22
Jahre, während ich mich der Vollendung des 51. näherte, - ein Risiko
für beide Partner, eines, wie man schon lange weiß, das sich gelohnt
hat. Es war sicher schwierig für sie, sich in die besondere Welt eines
gestandenen Mannes nicht nur einzuleben, sondern diese aktiv zu bereichern.
Denn mancher begegnete ihr kritisch, wenn auch ihr Charme vieles überspielte.
Heute weiß sie bisweilen mehr als ich.